Bücherspende an die Ungarndeutsche Bibliothek in Budapest

© Ungarndeutsche Bibliothek Budapest

 

Mitte November spendete das IKGS mehr als 150 Bücher aus dem Eigenverlag an die Ungarndeutsche Bibliothek in Budapest. Péter Bús, Referent für deutsche Sprache und Nationalität und stellvertretender Abteilungsleiter in der Fremdsprachenbibliothek, der im Herbst im IKGS eine Forschungsstipendium absolvierte, nahm die Bücher bei seiner Abreise dankenswerterweise mit nach Budapest. Dort war die Freude beim Auspacken und Sichten groß.

Eintrag auf der Seite der Ungarndeutschen Bibliothek in Budapest

Czernowitz lebt und gedeiht | Leserbrief von Florian Kührer-Wielach

Ehemaliges Jüdisches Haus in Czernowitz, beherbergt seit 2008 das Jüdische Museum  © Markus Winkler

 

Als Reaktion auf Sonja Margolinas Gastkommentar in der Neuen Zürcher Zeitung „Spuren der Abwesenheit – Czernowitz ist ein tief ins Unheil des 20. Jahrhunderts eingelassener Ort, in dem schwer sesshaft zu werden ist“, hat IKGS-Direktor Dr. Florian Kührer-Wielach einen Leserbrief verfasst, der in der NZZ vom 15.11.2019 veröffentlicht wurde:

Czernowitz lebt und gedeiht
Sonja Margolina beschreibt Czernowitz in ihrem Gastkommentar vom 7.11.2019 als einen „tief ins Unheil des 20. Jahrhunderts eingelassenen Ort, in dem schwer sesshaft zu werden“ sei. Ihre Skizze rückt eine tendenziell trost- und hoffnungslose ukrainische Gegenwart in den Mittelpunkt. Der „alltägliche Überlebenskampf“ scheint die Einheimischen davon abzuhalten, sich um das Kulturerbe der Stadt zu kümmern.
Tatsächlich ist Czernowitz mit Wunden übersät, die auch nicht vom „vollkommen“ aussehenden, habsburgischen Pflaster überdeckt werden können. Zwischen dem altösterreichischen Czernowitz und Tscherniwzi, wie die Stadt heute genannt wird, liegen Jahrzehnte des erzwungenen Wandels und der totalen Gewalt. Wir sehnen die „untergegangene Kulturmetropole“ (Helmut Braun) herbei und zurück, ein Shangri-La im Karpatenbogen, diesen Parspro-Toto-Prototyp eines halbwegs friedlichen Europas. Doch warum dann ihren Untergang weiterschreiben, warum dieser Pessimismus?
Es sind heute in erster Linie Ukrainer, lokale Einwohner, die nach den „Spuren der Abwesenheit“ suchen und sie uns (zurück)übersetzen: Das jüdische Museum in Czernowitz wird mit Leidenschaft geführt, die Veranstaltungen des Paul-Celan-Literaturzentrums sind äusserst gut besucht, das Meridian-Poesiefestival versammelt eine internationale Literaturszene, und an der Universität widmet sich das „Zentrum Gedankendach“, gerade zehn Jahre alt geworden, zeitgemässen Zugängen zu Kultur und Geschichte der Stadt und der Region.
Mit Mut und Energie wird in Tscherniwzi heute an einer europäischen Zukunft gearbeitet. Diese Art des „Überlebenskampfs“ können wir aber letztlich nur gemeinsam führen, Einheimische, Zugereiste, Ausgewanderte und all jene, die diese Stadt um ihrer selbst willen lieben, wo auch immer auf dieser Welt.

Florian Kührer-Wielach,
Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München

Lesung mit Cătălin Mihuleac | „Man kann das Land nicht an den Schuhsohlen mitnehmen …“

© Tobias Weger

 

Bericht zur zweisprachigen Lesung mit dem rumänischen Schriftsteller Cătălin Mihuleac

Am Abend des 23. Oktober 2019 stellte der rumänische Schriftsteller und Dramatiker Cătălin Mihuleac in einer gut besuchten Lesung seinen Roman Oxenberg & Bernstein (im rumänischen Original: America de peste pogrom) vor. Die Veranstaltung, die in der Münchner Stadtbibliothek Sendling stattfand, war eine Kooperation des IKGS und der Stadtbibliothek. Neben dem 1960 in Iași (dt. Jassy) geborenen Autor, saßen Julia Cortis als Literatursprecherin in Hörfunk und Fernsehen sowie Daniel Biro, Rumänist und Doktorand an der LMU, als Dolmetscher auf der Bühne. Für eine entspannte Atmosphäre sorgte neben den Gästen und dem interessierten Publikum die Moderatorin Dr. Enikő Dácz, wissenschaftliche Mitarbeiterin am IKGS, die nach den Grußworten Cătălin Mihuleac vorstellte. Der Autor studierte zunächst Geologie sowie Wirtschaft an der Alexandru Ioan Cuza Universität in Iași und war ab 1991 Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften und im Rundfunk. Er veröffentlichte satirische Texte in zahlreichen rumänischen Periodika, darunter România literară, Ziarul de Duminică oder Dacia literară; zudem verfasste er Theaterstücke, die in Rumänien oder als Lesetheater im Ausland aufgeführt wurden. Aventurile unui gentleman bolșevic [Die Abenteuer eines bolschevistischen Gentlemans] war sein erstes Buch zu einem historischen Thema.

Der Roman Oxenberg & Bernstein, aus dem die von Julia Cortis vorgetragenen Fragmente das Publikum tief beeindruckten, ist der erste Band eines größeren Projektes, das sich mit dem jüdischen Schicksal in Rumänien auseinandersetzt. Der zweite, Ultima țigară a lui Fondane. Istorii de Holocaust [Die letzte Zigarre von Fondane. Holocaust-Geschichten], ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, und der letzte Teil, Deborah, erschien im Oktober 2019. Mihuleac machte mit großer Leidenschaft einige allgemeine Bemerkungen zu seinem langjährigen Thema, das in Rumänien jahrzehntelang verdrängt wurde: das Pogrom in der nordöstlichen rumänischen Stadt Iași, dem im Juni 1941 mehr als ein Drittel der jüdischen Bevölkerung zum Opfer gefallen war. Oxenberg & Bernstein bearbeitet sorgfältig recherchierte geschichtliche Informationen über das Schicksal der Juden in Iași und besteht aus zwei parallelen Geschichten – die einer nach Amerika ausgewanderten Rumänin, die dort einen jüdischen Geschäftsmann heiratete, und die der jüdischen Familie, in die sie einheiratete. Dazu kommen viele kurze Erzählungen, die sorgfältig konstruiert sind und eine komplexe Symbolik und Motivik aufweisen. Die beiden zentralen Frauenfiguren werden in einem geschickt inszenierten Spiel mit unterschiedlichen Geschichtsebenen und meisterhaft verflochtenen Erzählsträngen dargestellt. Die Bipolarität als Hauptmerkmal des Romans wurde zum wiederkehrenden Thema des anregenden Podiumsgesprächs. In diesem Zusammenhang zitierte der rumänische Autor Anton Tschechow: „Am liebsten erinnern sich die Frauen an die Männer, mit denen sie lachen konnten.“

Mihuleac betonte eindrücklich seine Beziehung zur jüdischen Bevölkerung (unter anderem in Iași) als Basis seines literarischen Interesses. Zudem sei ihm das Potenzial dieses Themas bewusst, worauf auch die intensive Rezeption der deutschen Übertragung von Ernest Wichner, die für den Preis der Leipziger Buchmesse 2018 nominiert war, hinweist. Sich auf Vorbilder wie Romain Gary und Marc Chagall beziehend, sprach Mihuleac auch über seine ars poetica und beeindruckte das Publikum mit seiner unverstellten Ehrlichkeit, etwa indem er den schriftstellerischen Werdegang als „Spiel des Schicksals“ bezeichnete. Er schrieb das Buch mit feinem, grenzüberschreitendem Esprit und Ironie, die die notwendige Distanz zwischen Erzähler und handelnden Figuren schaffen.

Der schwarze Humor und die reichlich verwendeten Anglizismen bilden eine aktuelle Sprache ab, die nicht nur den sozialen Status der Sprechenden, sondern auch den Zustand der Gesellschaft widerspiegelt. Mihuleac erläuterte, dass Ironie und Provokationen zur grundsätzlichen Darstellungsweise seiner Romane zählen und Situationskomik in diesem Kontext wesentlich zum langen Leben eines Buchs beitrage. Durch die vorgelesen Fragmente konnte sich das Publikum überzeugen, wie die Melodie des Textes, die unterschiedlichen Sprachregister und der Wechsel zwischen den kürzeren und längeren Sätzen das Buch in einen Mosaik-Roman verwandeln.

Über den Schreibprozess sprechend, gab Mihuleac darüber Auskunft, dass er als Autor während der Entstehung eines Romans sehr intensive, überwältigende und aufreibende Momente erlebe, und obwohl er einen ursprünglichen Schreibplan habe, gerieten die Dinge oftmals außer Kontrolle. Die Hauptfiguren eines Romans erlangten zudem ihre eigenen Seelen, verselbständigten sich und übernähmen danach die Aufgaben des Schriftstellers. Mihuleac vertrat die Ansicht, dass die Seelen der Menschen durch ein literarisches Werk maßgeblich geprägt werden könnten. Mit diesen abschließenden Gedanken und Fragen aus dem Publikum ging die zweisprachige Lesung zu Ende.

Andrei Stolnicu

Vortrag | Kronstadt ist eine Welt

 

Am 22. November 2019, 16 Uhr, hält Enikő Dácz an der Alexandru-Ion-Cuza-Universität Iassy/Iași den Vortrag “Kronstadt ist eine Welt, Literarische Inszenierungen einer zentraleuropäischen Stadt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts”.

Aussiedlerbeauftrage Stierstorfer: IKGS ein Leuchtturm für Forschung und Vermittlung

v. l.: Hans Peter Schuster, Andrei Bogdan Stolnicu, Renate Steinlechner, Helene Dorfner, Martin Slavicek, Ralf Grabuschnig, Sylvia Stierstorfer, Angela Ilic, Enikő Dácz, Florian Kührer-Wielach, Tobias Weger

Bild: Matthias Lill

Am 14. November 2019 besuchte Frau Sylvia Stierstorfer, MdL, Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene, das IKGS. In angenehmer Gesprächsatmosphäre stellte IKGS-Direktor Florian Kührer-Wielach das Tätigkeitsspektrum des Instituts vor. In ihrer Pressemitteilung vom 14.11.2019 zeigte sie sich von der Arbeit des IKGS-Teams beeindruckt: „Es ist herausragend, was dieses internationale Team und die vielen jungen Leute, die sich an dieser Arbeit beteiligen, hier leisten. Ich sehe große Berührungspunkte zu meiner Arbeit und viele wertvolle Synergien.“

Zur Pressemitteiltung