Call for Papers: Werte – Zeiten – Orte. Die Macht der Multikulturalität in Sprache und Literatur

26. und 27. April 2018

Department für deutsche Sprache und Literatur der Babeş-Bolyai-Universität Klausenburg

 

Kultur kann eine Quelle von Distinktion, Abgrenzung, Konflikt oder aber ein Feld von Kontakt, Austausch, Diffusion und Integration sein.

Der Begriff Multikulturalität besitzt eine sozialpolitische Dimension, deren Tragweite nicht zu unterschätzen ist. Von ihr hängt ab, welche Bedeutung dem Terminus zugeschrieben wird: Die positive Bewertung multiethnischen Zusammenlebens, Anerkennung kultureller Unterschiede, das Einfordern von Verständnis, Akzeptanz und Respekt? Oder werden Assimilation und Identitätsverlust, Gewalt und Unterdrückung als unweigerliche Folgen multikultureller Gesellschaften befürchtet?

Von besonderer Relevanz waren Fragen zum multiethnischen, multikulturellen Zusammenleben stets in Siebenbürgen – einem Raum, in dem seit Jahrhunderten verschiedene Sprachen, Kulturen und Religionen nebeneinander existieren. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass Hugo Meltzl und Samuel Brassai die erste komparatistische Zeitschrift überhaupt, Acta Comparationis, hier in Klausenburg publizierten: Dies ist ein frühes Beispiel dafür, wie oben genannte Fragen auch in die Literatur- und Sprachwissenschaft eingeflossen sind.

Beide Disziplinen erforschen, wie sich Fremdes begegnet und wie sich diese Begegnung mit dem Fremden in Literatur und Sprache niederschlägt. Dabei ist es notwendig, über Kulturgrenzen hinauszudenken. Dies stellt für uns als Germanistik in Klausenburg (Cluj, Kolozsvár) im Alltag wie in der Wissenschaft die Norm dar. Daher ist es für uns naheliegend, zu einer Tagung zum Thema Multikulturalität einzuladen.

Das Thema bietet vielfältige Fragestellungen in unterschiedlichen Disziplinen: Welche Rolle spielte und spielt Sprachenpolitik in Fragen des multikulturellen Zusammenlebens? Wie drücken sich interkulturelle Machtverhältnisse sowohl in der Sprachenpolitik als auch im alltäglichen Diskurs aus und wie können sie überwunden werden?

Welche Rolle kommt der Sprache zu, wenn es um Fragen der kulturellen Identität geht? Hier sind sowohl eigene Wahrnehmungen von Sprecher*innen wie Zuschreibungen von außen interessant – wenn es bspw. darum geht, wie Akzente wahrgenommen und klassifiziert werden.

Ein anderes Themenfeld wären Fragestellungen zu Mehrsprachigkeit: Welche Rolle, welcher Wert kommt ihr zu? Wie benutzen Sprecher*innen Code-Switching, und was sagt dies über die betreffenden Sprachen aus?

In der Literaturwissenschaft spielt nicht erst seit den Postcolonial Studies die Frage nach dem Anderen, Fremden eine Rolle – diese lässt sich auch auf Werke umlegen, die in multikulturellen Regionen entstehen oder solche thematisieren.

Inwiefern verfügen literarische Werke über eine ‚kulturelle Prägung‘, und was verraten die Inhalte und Motive darüber? Lassen sich Spuren der Mehrsprachigkeit, der multikulturellen Lebensrealität einer Autorin oder eines Autors einem Werk nachzeichnen?

Welchen Einfluss haben politische, soziale und kulturelle Rahmenbedingungen für ein literarisches Werk? Wie wird also Literatur in einer multikulturellen Gesellschaft produziert, rezipiert und bewertet?

Fragestellungen dieser Art lassen sich natürlich nicht nur anhand literarischer Texte abhandeln; sie haben ihren Weg auch in die Theater-, Film- und Medienwissenschaft gefunden. Auch damit werden wir uns auseinandersetzen. Wie präsentieren, thematisieren oder reflektieren Theaterstücke, Filme und Medienerzeugnisse Multikulturalität?

Nicht von minderer Bedeutung sind diese Aspekte auch in der Didaktik: Wie werden hier die Forschungsergebnisse der genannten Disziplinen aufgegriffen? Werden didaktische Materialien einer multikulturellen Realität gerecht?

Diesen und ähnlichen Fragen gehen wir bei der Tagung nach, die am 26. und 27. April 2018 am Department für deutsche Sprache und Literatur der Babeş-Bolyai-Universität Klausenburg stattfinden wird.

Anmeldungen bis zum 30. März 2018 mit einem Abstract an laura.laza@gmx.de.

Die Beiträge werden in einem Tagungsband erscheinen.

 

Call for Papers: Istraživanja– Journal of Historical Researches

We are happy to invite you to submit your papers and review articles for the 29th (2018) volume of ISTRAŽIVANJA – JOURNAL OF HISTORICAL RESEARCHES, the official journal of the Department of History (Faculty of Philosophy), University of Novi Sad (Serbia).

Deadline for the submission is 15th of May 2018. The contributions should be sent via e-mail to the following address: istrazivanja@ff.uns.ac.rs.

You can find instructions for preparation of manuscript and style guidelines in this file: CfP Istraživanja (PDF File)

Tagung: Die Welt und Afrika – Neue Wege interkultureller Sprach- und Literaturforschung

5. bis 8. September 2018, Ouidah/ Benin, Gesellschaft für Interkulturelle Germanistik

Abstracts im Umfang von max. einer DIN-A-4-Seite (Times New Roman 12, ca. 2500 Zeichen inkl. Leerzeichen) können gerne ab sofort (inkl. E- Mail-Adresse) bei den Organisatoren der Tagung eingereicht werden, müssen diese aber spätestens bis 25. Februar 2018 erreichen.

Hier finden Sie den “Call for Papers” als PDF-Datei: Call for Papers GIG

Profile der Germanistik – Entwicklungen und Tendenzen in Mittelost- und Südosteuropa

In vielen Ländern in Mittelost- und Südosteuropa war Deutsch bis zur politischen Wende 1989 die erste Fremdsprache an Schulen und in der Lehrerausbildung an den Hochschulen. Im Zentrum des Germanistikstudiums standen die Inhalte der ‚klassischen‘, d. h. philologisch, allgemeinbildend und – bezogen auf die Bereiche Lehramt und Übersetzen/Dolmetschen – berufsvorbereitend ausgerichteten Germanistik. Die Lehramtsausbildung Deutsch war an manchen Hochschulstandorten an eigens dafür eingerichteten Lehrerkollegs angesiedelt.
In den Folgejahren brachten die bildungspolitischen Neuorientierungen in diesen Regionen im Kontext des Bologna-Prozesses und einer fortschreitenden Globalisierung curriculare Veränderungen an germanistische Institute.
Der Sammelband strebt eine Bestandsaufnahme der Entwicklungen des Fachs Germanistik mit allen sei-nen Profilen, interdisziplinären Anschlussmöglichkeiten, seiner Spannweite von der Forschungs- bis zur Anwendungsorientierung mit ihren jeweils spezifischen fachlichen Selbstverständnissen und impliziten Berufsbildern in den letzten drei Jahrzehnten in Mittelost- und Südosteuropa an.
Der Aufruf, mit einem Beitrag an diesem Sammelband teilzunehmen, richtet sich an Institute, Lehrstühle, Kollektive und Fachvertreter der Germanistik (im weitesten Sinn) in Mittelost- und Südosteuropa.

Gewünscht sind Beiträge, die Entwicklungen und Tendenzen aus folgenden Perspektiven erfassen:

  • Curriculare Entwicklungen und Tendenzen einer nationalen, transnationalen und glokalen Germanistik
  • Deutsch im Spannungsfeld zwischen traditioneller Germanistik und interdisziplinärer Polyvalenz
  • Germanistisches Selbstverständnis im Kontext der pragmatische Anforderungen des Arbeitsmarktes
  • Zahlen und Entwicklungen: Immatrikulationen, Studienabbrecher, Absolventen
  • Verbleib der Studenten: auf dem Arbeitsmarkt, in der akademischen Lehre, in der Forschung
  • Umfang und Verortung der sprachpraktischen Anteile im germanistischen Curriculum / Deutschlerner anderer Fakultäten
  • Stellenwert von Deutsch als Berufs- und/oder Fachsprache
  • Lehramt Deutsch: Ausbildungsinhalte und -ziele
  • Praxisbezug, interdisziplinäre und außeruniversitäre Kooperationen
  • Plurizentrik, sprachliche Varietäten und DACH-Landeskunde

Abstracts im Umfang von maximal 300 Wörtern sowie ein kurzer akademischer Lebenslauf sind spätestens bis zum 15. Juli 2017 an folgende E-Mail-Adressen zu senden:

Dr. Annegret Middeke annegret.middeke@phil.uni-goettingen.de
und
Dr. Ellen Tichy ellen.tichy@freenet.de.
Eine Rückmeldung erhalten Sie bis zum 15. September 2017.
Die Beiträge sind bis zum 30. November 2017 einzureichen.
Die Veröffentlichung der Beiträge in einem Sammelband ist im Peter Lang Verlag geplant.
Herausgeberinnen: Dr. Annegret Middeke (Göttingen) und Dr. Ellen Tichy (Hermannstadt)

CfP (PDF)

Profile der Germanistik – Entwicklungen und Tendenzen in Mittelost- und Südosteuropa

In vielen Ländern in Mittelost- und Südosteuropa war Deutsch bis zur politischen Wende 1989 die erste Fremdsprache an Schulen und in der Lehrerausbildung an den Hochschulen. Im Zentrum des Germanistikstudiums standen die Inhalte der ‚klassischen‘, d.h. philologisch, allgemeinbildend und – bezogen auf die Bereiche Lehramt und Übersetzen/Dolmetschen –berufsvorbereitend ausgerichteten Germanistik. Die Lehramtsausbildung Deutsch war an manchen Hochschulstandorten an eigens dafür eingerichteten Lehrerkollegs angesiedelt.
In den Folgejahren brachten die bildungspolitischen Neuorientierungen in diesen Regionen im Kontext des Bologna-Prozesses und einer fortschreitenden Globalisierung curriculare Veränderungen an germanistische Institute.
Der Sammelband strebt eine Bestandsaufnahme der Entwicklungen des Fachs Germanistik mit allen seinen Profilen, interdisziplinären Anschlussmöglichkeiten, seiner Spannweite von der Forschungs- bis zur Anwendungsorientierung mit ihren jeweils spezifischen fachlichen Selbstverständnissen und impliziten Berufsbildern in den letzten drei Jahrzehnten in Mittelost- und Südosteuropa an.
Der Aufruf, mit einem Beitrag an diesem Sammelband teilzunehmen, richtet sich an Institute, Lehrstühle, Kollektive und Fachvertreter der Germanistik (im weitesten Sinn) in Mittelost- und Südosteuropa.
Gewünscht sind Beiträge, die Entwicklungen und Tendenzen aus folgenden Perspektiven erfassen:

  • Curriculare Entwicklungen und Tendenzen einer nationalen, transnationalen oder glokalen Germanistik
  • Deutsch im Spannungsfeld zwischen traditioneller Germanistik und interdisziplinärer Ployvalenz
  • Germanistisches Selbstverständnis im Kontext der pragmatische Anforderungen des Arbeitsmarktes
  • Zahlen und Entwicklungen: Immatrikulationen, Studienabbrecher, Absolventen
  • Verbleib der Studenten: auf dem Arbeitsmarkt, in der akademischen Lehre, in der Forschung
  • Umfang und Verortung der sprachpraktischen Anteile im germanistischen Curriculum / Deutschlerner anderer Fakultäten
  • Stellenwert von Deutsch als Berufs- und/oder Fachsprache
  • Lehramt Deutsch: Ausbildungsinhalte und -ziele
  • Praxisbezug, interdisziplinäre und außeruniversitäre Kooperationen
  • Plurizentrik, sprachliche Varietäten und DACH-Landeskunde

Abstracts im Umfang von maximal 300 Wörtern sowie ein kurzer akademischer Lebenslauf sind spätestens bis zum 15. Juli 2017 an folgende E-Mail-Adressen zu senden:
Dr. Annegret Middeke annegret.middeke@phil.uni-goettingen.de
und Dr. Ellen Tichy ellen.tichy@freenet.de

Eine Rückmeldung erhalten Sie bis zum 15. September 2017.

Die Beiträge sind bis zum 30. November 2017 einzureichen.

Eine Veröffentlichung der Beiträge in einem Sammelband ist im Peter Lang Verlag geplant.

Schöne Scheiße. Konfigurationen des Skatologischen in Sprache und Literatur

Die Redaktion der Zeitschrift »Zagreber Germanistische Beiträge« lädt Sie zur Einsendung von Beiträgen für das Heft 27/2018 ein.
Dieses widmet sich dem folgenden Themenschwerpunkt: „Schöne Scheiße. Konfigurationen des Skatologischen in Sprache und Literatur“ herausgegeben von Ingo Breuer (Universität Köln) und Svjetlan Lacko Vidulić (Universität Zagreb).
Kaum ein anderer Begriff scheint so ›deutsch‹ zu sein wie der Begriff ›Scheiße‹. Der deutsch-türkische Kabarettist Şinasi Dikmen vermutete sogar, dass »der Arsch in Deutschland wichtiger als der Kopf ist«. Während zum Beispiel in den slawischen und romanischen Sprachen die elaboriertesten Varianten sexualisierten Sprachgebrauchs für pejorative Zwecke eingesetzt werden, scheint die Erforschung des Schimpfwortgebrauchs, die Malediktologie, eine Analfixierung der deutschsprechenden Bevölkerung nachweisen zu können. Entsprechend haben Dieter und Jacqueline Rollfinke in der bisher ausführlichsten germanistischen Untersuchung zur Skatologie eine Verbindung zwischen analem Charakter, übertriebenem Ordnungssinn, Bürokratismus und einer Autoritätsfixierung der ›Deutschen‹ gesehen, die letztlich zum Nationalsozialismus geführt habe. Und entsprechend zeigt dieser Band – neben einem Kapitel über Wilhelm Busch – eine Fokussierung auf die Weimarer Republik und vor allem die Nachkriegszeit. Allerdings geben die Autoren zu, dass auch zahlreiche Autoren anderer Sprachen gerne zu exkrementellen Vokabeln greifen. Die Literatur und Kunst des Mittelalters, der unlängst eine wichtige, inzwischen dokumentierte Tagung an der Universität Bamberg gewidmet war, und der Frühen Neuzeit sind ebenso die nationalen Grenzen überschreitend auf das ›Andere‹ des Körpers, seine Ausscheidungen und Abfallsprodukte fixiert wie die Moderne und Postmoderne mit ihrer Ästhetik des Häßlichen, bis hin zur Abject Art, denen inzwischen bedeutende US-amerikanische Museen skandalumwitterte Ausstellungen widmeten. Überhaupt scheinen die U.S.A. den deutschsprechenden Regionen den Rang ablaufen zu wollen, zumindest im Bereich der Rhetorik: Furore machte das Buch Bullshit des amerikanischen Philosophen Harry G. Frankfurt, dessen Titel international weiter variiert wurde, so von Geoffrey James in seinem Bestseller Business without the Bullshit. Selbst der slawische Bereich ist nicht frei davon: Slavoj Žižek reflektierte mehrfach über die kulturelle Bedeutung der Exkremente, die übrigens wohl nicht zufällig auch in die Metaphorik kollektiver Selbstdiagnosen in Südosteuropa Eingang finden. Vladimir Arsenijević hat jüngst die Arbeit an seiner in den 1990er Jahren begonnenen Tetralogie Cloaca Maxima. Eine Seifenoper aufgegriffen, die von den Jugoslawien-Kriegen und den Umbrüchen der 1990er Jahre handelt; einer Zeit, in der sich Dubravka Ugrešić in der Essay-Sammlung My American Fictionary demonstrativ zu einer gemeinsamen Kultur Osteuropas bekannte – dem Status dieser Makroregion als »Scheißhaufen Europas« zum Trotz. Ungeachtet dieser wahrhaft internationalen Popularität des Skatologischen in Sprache und Literatur, in der Kunst und im Film, bleibt Rollfinkes Diagnose von 1986 bestehen, was die wissenschaftliche Forschung betrifft: Essen und Trinken sind seit längerer Zeit ein anerkanntes und inzwischen breit erforschtes Kulturthema, doch sein Gegenstück, die Verdauung und Ausscheidungen, zählen zu den »letzten wahren Tabus«. Dies gilt ebenso für die entsprechenden Körperteile; während bereits der Rückenraum – so Hartmut Böhme – für alles »Überraschende, Schreckhafte, Überfallartige« stehe, sei mehr noch der ›Hintern‹ »mit vielen Tabus und folglich auch mit obszönen Ausdrücken und Lüsten besetzt«; es ist seit dem Mittelalter der prädestinierte Raum alles Teuflischen und Ort des Teufels selbst.
Während sich Sprache, Theater, Literatur und Kunst diesem Tabu ausgiebig angenommen haben, zeigen sich vor allem die neueren Philologien diesem Gegenstand gegenüber meist verhalten. Der eher populärwissenschaftliche, aber überaus aspektreiche und inspirierende Band Dunkle Materie: Die Geschichte der Scheiße, den Florian Werner 2011 vorgelegt hat, bildet eine rühmliche Ausnahme, da er das Spektrum von der Antike bis zur Gegenwart aufspannt; ansonsten ist das Feld bisher reserviert für mediävistische Untersuchungen – siehe z.B. den von Andrea Grafestätter herausgegebenen Sammelband Nahrung, Notdurft und Obszönität in Mittelalter und Frühe Neuzeit von 2013 und Martha Bayless‘ Sin and Filth in Medieval Culture. The Devil in the Latrine von 2012.
Die Diskussionen zur gesellschaftlichen und politischen Funktion, zur kulturellen, künstlerischen und ästhetischen Rolle von Exkrementen haben dagegen breiten Eingang gefunden in Theorien des Häßlichen (Umberto Eco u.a.), des Ekels (Aurel Kolnai, Winfried Menninghaus u.a.) und des Abjekten (Jean Clair, Julia Kristeva, Claudia Reiss u.a.), außerdem in übergreifenden Zusammenhängen (Michail Bachtin, Dominique Laporte u.a.) oder bei verwandten Phänomenen wie dem Kitsch (Milan Kundera), dem Geruch (Alain Corbin), dem Schmutz (Christian Enzensberger) und dem Müll (vgl. das Sonderheft zur ZfdPh 133/2014). Erforscht wurde das Phänomen in der Ethnologie (Sigmund Freud, Claude Lévi-Strauss, Hans Peter Duerr u.a.), Emotionsforschung (vgl. das Lemma ›Disgust‹ im Handbook of Emotions, hg. v. Michael Lewis u.a., 2008) und Biopolitik (Rudolf Otto, Giorgio Agamben u.a.). Zu denken ist nicht zuletzt an Martha Nussbaums Reflexion über die Rolle der Exkremente im Rahmen gesellschaftlicher Ein- und Ausschließungsmechanismen in Form einer Ekelpolitik. Zu bedenken wären aber auch zusätzliche theoretische Kontexte wie die Raumtheorie (zur Topographie des ›stillen Orts‹ und der Orte des Abjekten) und die Agency-Theorie zur Eigenmächtigkeit bzw. Unverfügbarkeit von Objekten.
Besonders Kunst, Literatur und Theater haben sich – von den Philologien oft kaum bemerkt – dieses Themas immer wieder angenommen. Bekanntlich lässt sich – oft auch als Fortschreibung mittelalterlicher Traditionen – in der frühneuzeitlichen Literatur Skatologisches, meist in Form von Fäkalhumor, häufig finden: angefangen bei Schwänken und Satiren über die Fastnachtsspiele und Komödien bis hin zur galanten Literatur. Doch trotz der ›Zivilisierung‹ und der hygienischen Revolution im 18./19. Jahrhundert finden sich selbst zu dieser Zeit noch Beispiele, nicht nur in Goethes berühmtem Zitat aus Götz von Berlichingen oder gar den Werken des Marquis de Sade. Mit der Moderne setzt eine neue und sehr massive Faszination für das Skatologische ein, die heutzutage selbst in TV-Serien und in der Musik (von Pop bis Punk, von Hiphop bis Rap) Einzug gefunden hat.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verursacht Alfred Jarry einen Skandal mit dem ersten, ›falsch‹ geschriebenen Wort seines Stücks König Ubu (»Mrerde«), das unlängst Alina Reyes im feministischen Roman Poupée, anale nationale mit ihrem ersten Wort (»Dieudemerde«) variierte. Auch die deutsche Literatur bietet im 20./21. Jahrhundert wieder zahlreiche Beispiele: in der Moderne und Weimarer Republik (z.B. Benn, B. Brecht, G. Grosz, E. Kästner, T. Mann, u.a.), in der Nachkriegszeit (z.B. Böll, H. M. Enzensberger, G. Grass, S. Lenz und in der Wiener Gruppe) und mehr noch in der neueren und neuesten Literatur, einschließlich der Pop-Literatur (W. Haas, C. Roche, H. Strunk u.a.). Den wohl prominentesten Ort haben Exkremente und Skatologisches in den performativen und intermedialen Künsten gefunden, angefangen bei Friedrich Dürrenmatts Herakles und der Stall des Augias über Werner Schwabs »Fäkaliendramen« bis zum Wiener Aktionismus und anderen Abject Art-Performances. Zu denken wäre auch an andere intermediale Phänomene wie Dieters Roths abjekte Kunstwerke und ›Scheiße-Gedichte‹. Zu denken ist aber auch an Film und Fernsehen, zuletzt mit aller Drastik in TV-Serien wie Bottom oder Jackass, doch schon mit Luis Buñuels Das Gespenst der Freiheit von 1974, John Waters‘ Polyester von 1981 und Herbert Achternbuschs Das Gespenst von 1982 war das Skatologische zumindest im Arthouse-Kino angekommen. Nicht zu übersehen ist darüber hinaus eine Enttabuisierung der Exkremente im Kinderbuch – hier sind die prominentesten Beispiele Der Kackofant von Klaus Cäsar Zehrer/Fil und Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat von Werner Holzwarth/Wolf Erlbruch, das auch verfilmt wurde. Doch nicht nur Exkremente und skatologischer Sprachgebrauch finden sich durchgängig, sondern immer wieder werden auch Objekte im Umfeld des Skatologischen, z.B. das Toilettenpapier (wie in der Schermesser-Episode von Grimmelshausens Simplicissimus) oder der Nachttopf (wie bei E.T.A. Hoffmann), und entsprechende Topographien (z.B. in Peter Handkes Versuch über den stillen Ort) thematisiert.
Zu denken wäre zudem an die Bedeutung skatologischer Terminologie zur Herstellung von ästhetischer Intensität, als Symbol des Todes (bzw. der Angst vor den Exkrementen als Angst vor der eigenen Sterblichkeit) und nicht zuletzt auch als Mittel einer Darstellung des Undarstellbaren, z.B. der Grauen des Kriegs (R. M. Remarque u.a.) und der Shoah (J. Lind, P. Weiss u.a.) – zu denken ist nicht zuletzt auch an Wiesław Kielars Anus mundi, dessen Titel eine Bezeichnung für das Vernichtungslager Auschwitz ›zitiert‹.
Mit dem geplanten Band sollen Lücken in der Erforschung des Skatologischen geschlossen und vor allem neuere wissenschaftliche Diskussionen, z.B. wie sie oben skizziert wurden, in die Reflexion des Gegenstands einbezogen werden. Erwünscht sind vor allem kultur-, literatur- und sprachwissenschaftliche sowie translatorische Beiträge zu skatologischen Werken, Motiven und Aspekten in Literatur und Theater seit der Frühen Neuzeit, einschließlich intermedialer Formen, zum (vergleichenden) Schimpfwortgebrauch sowie zu (auch literarischen) Übersetzungsproblemen bei skatologischen Ausdrücken v.a. im Deutschen und Slawischen, ggf. auch unter Einbeziehung weiterer Sprachen.

Bitte senden Sie für diesen Themenband der »Zagreber germanistischen Beiträge« zunächst bis zum 15. Mai 2017 ein Exposé im Umfang von bis zu 3000 Zeichen sowie einen kurzen Lebenslauf und Publikationsverzeichnis an Dr. Ingo Breuer (breuer-office@gmx.de) und/oder an Dr. Svjetlan Lacko Vidulić (svidulic@ffzg.hr).
Auf der Basis des Exposés werden Herausgeber und Redaktion über eine Annahme entscheiden und ggf. um einen ausformulierten Beitrag von bis zu 50.000 Zeichen (einschließlich Leerzeichen und Fußnoten) bitten, der bis 1. November 2017 bei der Redaktion (zgb@ffzg.hr) einzureichen ist. Über Annahme, Ablehnung oder weiteren Bearbeitungsbedarf wird anonym von zwei unabhängigen Gutachtern befunden.
Hinweise zum Verfahren und zur Einrichtung des Skripts finden sich auf der Homepage der Zeitschrift.