Kulturerbe

Kulturerbe

Brücken aus Papier

Entsäuerung und Restaurierung von seltenen deutschen Zeitungen und Zeitschriften zur Alltagskultur der vertriebenen deutsch­sprachigen Minderheit in Rumänien bis 1944

(Juli 2018 – Januar 2020)

„Brücken aus Papier“ – Das IKGS erhält 12.000 € Projektförderung

Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) hat 2018 ein Sonderprogramm zur Erhaltung des schriftlichen Kulturerbes in Bibliotheken und Archiven in Deutschland ausgeschrieben (externer Link).

Der Projektantrag der Bibliothek des IKGS zur Entsäuerung und Restaurierung seltener deutscher Zeitungen und Zeitschriften zur Alltagskultur der vertriebenen deutschsprachigen Minderheit in Rumänien bis 1944 bei der Koordinierungsstelle zur Erhaltung schriftlichen Kulturguts in Deutschland (externer Link) war erfolgreich und wurde mit 12.000 € durch die Kulturstaatsministerin unterstützt.

Das Projekt soll den dauerhaften Originalerhalt von Zeitungen und Zeitschriften aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten sicherstellen. Die ausgewählten Medien aus dem Bestand des IKGS spiegeln allesamt die Alltagskultur in den deutschen Siedlungsgebieten in Rumänien wider. Der Bestand besteht aus 26 Zeitungen und Zeitschriften, insgesamt sechs Regalmeter lang und 220 Kilogramm schwer. Er enthält u. a. Schulprogramme, Taschenkalender und Boulevardzeitungen. Auf die Flucht aus den Vertreibungsgebieten konnten meist nur wenige Habseligkeiten mitgenommen werden. Verständlicherweise fielen Alltagsgegenstände und Dinge mit kurzzeitiger Bedeutung, wie Tageszeitungen, nicht darunter. Daher hat das IKGS an vielen der ausgewählten Titel entweder deutschlandweit Alleinbesitz oder den größten zusammenhängenden Bestand an Originalen. Hervorzuheben ist z. B. die Neue Jüdische Rundschau, eine deutschsprachige Wochenzeitung aus Czernowitz (Ukraine), die bisher nur im IKGS und in der Israelischen Nationalbibliothek nachgewiesen ist. Diese Zeitungen bilden somit „Brücken aus Papier“ zwischen den alten und den neuen Heimaten.

Die deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften sind in den Entstehungsgebieten entweder nicht erhalten oder nur selten in öffentlich zugänglichen Bibliotheken aufbewahrt und erschlossen. Sie stammen aus dem Zeitraum von 1837 bis 1944, in welchem industriell gefertigtes, säurehaltiges Papier verwendet wurde. Durch die Säure wird das Papier brüchig und droht zu zerfallen, ähnlich einer Brücke, die einstürzt, wenn sie nicht instandgehalten wird. Zudem weisen die Bestände zahlreiche Lagerungsschäden auf. Um einem drohenden Verfall vorzubeugen und eine Benutzung zu ermöglichen, sind Entsäuerung, Restaurierung und Schutzverpackung dieser seltenen Bestände, auch im Hinblick auf eine spätere Digitalisierung, dringend notwendig. Dies konnte durch die Förderung der BKM durchgeführt werden.

Die Restaurationsdokumente werden vorbereitet.

Insgesamt 16 Umzugskartons aus der IKGS-Bibliothek, gefüllt mit seltenen Zeitungen und Zeitschriften, werden zur Trockenreinigung, Entsäuerung und Restaurierung geschickt.

Erfolgreicher Abschluss des Projektes „Brücken aus Papier“

Der Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek​ in Weimar 2004 und der Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009 sind nur zwei Beispiele in der jüngeren Geschichte, die die Notwendigkeit des Kulturgutschutzes in der breiten Öffentlichkeit bewusst gemacht haben. Allerdings sind nicht nur unvorhergesehene Katastrophen eine Gefahr für Bibliotheks- und Archivgut. Die quantitativ größten Schäden entstehen schleichend durch Papierzerfall, Säurefraß, Lagerungsschäden, Schimmel und Schädlingsfraß. Der Schutz des Kulturgutes im Bibliotheksalltag wird in den meisten Einrichtungen nicht budgetiert. Vor allem für kleine Einrichtungen mit wenig Personal ist die Bestandserhaltung neben dem Alltagsgeschäft oft nur schwer zu bewältigen. Hier setzt die Arbeit der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts an.

Die Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts wird finanziert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) sowie die Kulturstiftung der Länder und ist bei der Staatsbibliothek zu Berlin angesiedelt. Ihr Ziel ist der dauerhafte Originalerhalt von schriftlichen Kulturgütern. Seit 2011 engagiert sie sich in vier Aufgabenfeldern:

  • Erkenntnisse zur Sicherung von schriftlichen Kulturgütern sammeln und auswerten
  • Netzwerke bilden, um bewahrende Institutionen zur Zusammenarbeit anzuregen
  • die Öffentlichkeit für die Gefährdung des schriftlichen Erbes sensibilisieren
  • Modellprojekte bundesweit unterstützen

Seit 2017 gibt es zusätzlich eine jährliche Ausschreibung für das Sonderprogramm Bestandserhaltung (externer Link), für welches die Bibliothek des IKGS im Sommer 2018 erstmals einen Antrag eingereicht hat. Im Rahmen des Sonderprogramms wurden konservatorische Maßnahmen gefördert, die im Massenverfahren durchgeführt werden können, wie z. B. Massenentsäuerung, Restaurierung und Schutzverpackung. Zudem müssen die zu restaurierenden Bestände aus historischer oder wissenschaftlicher Sicht von überregionaler Bedeutung sein, also wertvolle, unikale Werke oder Rara bzw. Werke mit hohen Wiederbeschaffungshürden. Außerdem muss eine direkte Gefährdung gegeben sein, wie z. B. der drohende Zerfall von säurehaltigem Papier.

Für das Projekt „Brücken aus Papier“ wurden 26 Zeitungen und Zeitschriften aus dem Bestand des IKGS ausgewählt, die allesamt die Alltagskultur in den deutschen Siedlungsgebieten in Rumänien widerspiegeln, u. a. Schulprogramme, Taschenkalender und Boulevardzeitungen. Die deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften sind in ihren jeweiligen Entstehungsgebieten entweder nicht erhalten oder nur selten in öffentlich zugänglichen Bibliotheken aufbewahrt und erschlossen. Daher waren der Originalerhalt und die Restaurierung dieser seltenen Bestände, auch im Hinblick auf eine spätere Digitalisierung, dringend notwendig.

Unsachgemäße Lagerung in Zeitungsbündeln

Die ausgewählten Bestände stammen aus der Zeit vor 1945, in der industriell gefertigtes, säurehaltiges Papier verwendet wurde. Mit der Erfindung des Holzschliffpapiers durch Friedrich Gottlob Keller um das Jahr 1841 und dem Ersatz des Tierleims durch eine Mischung von Harz mit Kalium-Aluminiumsulfat (Alaun) wurde zwar die industrielle Massenproduktion von Papier möglich, gleichzeitig aber der pH-Wert des Papiers gesenkt. Das Papier wurde sauer. Bei Lagerung über mehrere Jahrzehnte führt ein niedriger pH-Wert des Papiers zu einer Zerstörung der Celluloseketten und lässt das Papier zerfallen. Es verliert an Elastizität und wird brüchig. Durch Massenentsäuerungsverfahren können die Säuren im Papier neutralisiert und dessen Lebensdauer vervierfacht werden. Dafür wird den Büchern erst Restfeuchte entzogen, um sie anschließend in einer alkalischen Lösung zu tränken. Nach einer Rekonditionierungszeit von einigen Wochen sind die Bücher wieder benutzbar.

Zudem wiesen die Zeitungen zahlreiche Lagerungsschäden auf, da sie zum Teil über ein halbes Jahrhundert lang nur in provisorischen Bündeln gelagert waren. Eine besondere Entdeckung wurde in einem der Bündel gemacht: Zur Abtrennung der einzelnen Jahrgänge waren diese nochmals in Zeitungen eingewickelt. Bei näherem Hinsehen stellte sich heraus, dass es sich bei der Zeitung, die als Verpackungsmaterial verwendet worden war, um das deutschsprachige Volks Blatt aus Arad handelte, noch dazu um einige Ausgaben aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Diese Originalausgaben des Volks Blattes, wie sich die Arader Zeitung. Das Blatt der Deutschen in Rumänien zeitweise nannte, sind deutschlandweit nur in der Bibliothek des IKGS vorhanden.

Zeitungen als Verpackungsmaterial

Restaurierte Zeitung mit ergänzten Fehlstellen und geschlossenen Rissen

Die anschließend erfolgte Restaurierung der Bestände hat deren Benutzbarkeit für die Wissenschaft wieder ermöglicht. Hierfür mussten Fehlstellen ergänzt und Risse geschlossen werden. Lose Bindungen wurden repariert und einzelne Zeitschriften neu gebunden.
Insgesamt wurden 220 Kilogramm Zeitungen und Zeitschriften durch einen externen Dienstleister entsäuert und restauriert. Die Zeitungen wurden in säurefreie Archivboxen verpackt. Um die Massenentsäuerung der Bestände zu dokumentieren, werden die Bestandsnachweise in der Zeitschriftendatenbank (ZDB) um diese Information ergänzt. Zusätzlich wurden alle entsäuerten Bestände durch Aufkleber am Einband oder an den Archivboxen gekennzeichnet, um eine Mehrfachentsäuerung in weiteren Projekten auszuschließen.

Im Projekt „Brücken aus Papier“ konnten Periodika im Umfang von sechs Regalmetern konservatorisch behandelt und der dauerhafte Originalerhalt sichergestellt werden. Diese deutschen Zeitungen aus Rumänien bilden Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart, alten und neuen Heimaten sowie zwischen Alltagskultur und Wissenschaft. Mit Hilfe der Projektförderung der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts in Deutschland konnten die „Brücken aus Papier“ nun vor dem Verfall gerettet werden.                                                                                                                                                      

Veröffentlichungen

Helene Dorfner: Paper Bridges: Conservation, Restoration, Cataloguing and Digitization of German-language Newspapers from Southeastern Europe in a One-Person-Library, Paper presented at: IFLA WLIC 2019 – Athens, Greece – Libraries: dialogue for change in Session 85 – News Media with Digital Humanities/Digital Scholarship.

Helene Dorfner: Projektförderung: „Brücken aus Papier“ – ausgewählte Bibliotheksbestände von besonderer Bedeutung werden restauriert. Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas 13 (2018) H. 2, S. 253f.

KEK*-Kalender | Kalenderblatt Januar

Die „Neue Zeitung“ erschien in den 1930er-Jahren in Temeswar/Timișoara.
© Franziska Stutz / Helene Dorfner

Kaum ein gedrucktes Medium vermag es, so tagesaktuell und zielgruppenspezifisch Informationen zu verbreiten wie die Tageszeitung. Lange Zeit bot sie sogar die einzige Möglichkeit, aktuelle Nachrichten über soziale, kulturelle und politische Entwicklungen zu beziehen. Doch das grundlegende Charakteristikum des Mediums – seine Aktualität und damit auch Vergänglichkeit – wird ihm bei der langfristigen Aufbewahrung zum Verhängnis. Als industrielles Massenprodukt wurden Tageszeitungen ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf minderwertigem Papier gedruckt. Dieses ist besonders stark von Säurefraß betroffen. Bedrohlich wird dies in Fällen, in denen die Überlieferung bereits durch andere Faktoren stark eingeschränkt ist. So etwa in dem vom Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) aufbewahrten Bestand an Zeitungen und Zeitschriften der deutschsprachigen Minderheiten in Rumänien. Sie spiegeln die Alltagskultur in den deutschen Siedlungsgebieten von Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1944 in Schulprogrammen, Taschenkalendern und Boulevardzeitschriften
wider.
Im Rahmen der kriegsbedingten Migrationsbewegungen in Richtung Westen – Umsiedlungen im Zuge der „Heim ins Reich“-Aktion ab 1940 und der 1944 einsetzenden Flucht vor der Roten Armee – konnten meist nur wenige Habseligkeiten mitgenommen werden. Verständlicherweise gehörten Alltagsgegenstände und auch Tageszeitungen nicht dazu. In den wenigen Fällen, in denen diese Objekte in ihren Entstehungsgebieten erhalten wurden, sind sie oft nicht öffentlich zugänglich. Umso bedeutender ist der Bestand in München, zu dem auch Exemplare der abgebildeten Neuen Zeitung zählen, die in den 1930er-Jahren in Temeswar (rum. Timișoara) in Rumänien erschien.
Aufgrund ihrer besonderen historischen Bedeutung hat das IKGS mit Hilfe des BKM-Sonderprogramms Maßnahmen zur langfristigen Sicherung der Sammlung durchgeführt: Verschmutzte Bereiche wurden manuell gereinigt, Risse geschlossen, das Papier entsäuert und die Druckwerke schließlich in geeignete Schutzverpackungen umgelagert. Öffentlich zugänglich in der Bibliothek des IKGS können die Zeitungen auch in Zukunft Einblicke in die Geschichte Südosteuropas geben.

* Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK) an der Staatsbibliothek zu Berlin

Helene Dorfner
Projektleitung
E-Mail: dorfner@ikgs.de