Foto: © Tobias_Weger

 

Am Abend des 2. Juli 2019 las Ana Blandiana in den bis auf den letzten Platz besetzten Räumen des Münchner Lyrik Kabinetts einige ihrer in den Band Geschlossene Kirchen/Biserici închise aufgenommenen Gedichte. Neben der 1942 in Temeswar/Timișoara geborenen Poetessa, die Holger Pils, der Leiter des Lyrik Kabinetts, „eine der wichtigsten rumänischen Dichterinnen“ nannte und die Enikő Dácz (IKGS) als einflussreiche Streiterin für die Freiheit vorstellte, saßen Michael Krüger und Katharina Kilzer auf der Bühne – der verdienstvolle deutsche Literat und Verleger als Rezitator der deutschsprachigen Versionen der Gedichte und als neugieriger Fragesteller, neben Maria Herlo und Horst Samson eine der Übersetzerinnen von Geschlossene Kirchen/Biserici închise, als Dolmetscherin.

Ana Blandiana überzeugte nicht nur durch ihre oft gerühmte poetische Meisterschaft, sondern auch durch ihre Vortragskunst, ihre mal zärtlich-mild flüsternde, mal flehend-verzweifelte und den Tränen nahe Stimme – wer ihr zuhörte, konnte fast mystische Momente durchleben, Augenblicke, in denen die Poesie unmittelbar zur Seele sprach. Die vorgetragenen Gedichte stammten überwiegend aus den letzten zehn Jahren, doch einige davon sind bereits vor 1989 entstanden – was Michael Krüger Anlass war, nach dem konkreten Funktionieren der Zensur in der Diktatur zu fragen und auf Ana Blandianas Essayband hinzuweisen, dessen Titel mit Friedrich Hölderlin die Frage stellt: Wozu Dichter in dürftiger Zeit?

Die Poetin betonte die während der Diktatur besonders enge Verbundenheit zwischen Dichter und Lesern sowie das hohe Ansehen, das Lyrik als „Gegenrede“ zur Schablonensprache der Herrschenden innehatte. Sie berichtete in diesem Kontext auch über ihr Memorial-Projekt, das – Gedenkstätte, Museum und Studienzentrum in einem – den Opfern der kommunistischen Willkürherrschaft gewidmet ist. Auch im heutigen Rumänien stehe die Poesie, der die Kraft zur Rettung des Innersten des Menschen innewohne, in hohem Ansehen – und der Glaube an Gott ebenfalls. Unmittelbar politisch wirksam sei das leider nicht: Rumänien sei eine korrupte Pseudo-Demokratie und hätte sich ohne die Proteste der Zivilgesellschaft möglicherweise zu einer dem Putin-Reich ähnlichen Diktatur entwickeln können. Dass die Poesie bei alledem eine zutiefst anrührende Kunst ist und bleibt, bewies Ana Blandianas hinreißender Vortrag ihrer im Alter von 20 Jahren geschriebenen Morgenelegie. Mit ihm ging ein bewegender, der Dichtung und der Freiheit gewidmeter Abend zu Ende.

Klaus Hübner

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